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Der Herr der Knospen

Panoramablick auf Meersburg. Foto: Julia Marre

Die Blumeninsel Mainau ist die größte Attraktion im Bodensee – 1,2 Millionen Gäste flanieren jedes Jahr durch den Park. Der Herr der Knospen, der Parkgärtner Andreas Winterer, verrät, warum ihm die „Berliner Kleene“ nicht aus dem Kopf geht

Andreas Winterer ist ein Frühaufsteher. Wenn die Sonne über dem Bodensee aufgeht, stecken seine Füße längst in den ausgetretenen schwarzen Arbeitsschuhen. Kein Wunder, schließlich arbeitet der 55-jährige Parkgärtner auf der Sonnenseite des Lebens. Genauer gesagt: am Südhang der Blumeninsel Mainau. Hier, wo es sogar den Schnecken zu heiß ist, wuselt der Herr der Knospen täglich ab 6.30 Uhr mit seinem Team durch den Dahliengarten. Bei Sonnenaufgang öffnet der Garten- und Landschaftspark. Am frühen Morgen strömen jedoch nur wenige Gäste über die asphaltierten Wege, am frühen Morgen läuft dort zunächst das Gießwasser entlang.

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Braungebrannt ist Winterer, trägt kurze Jeans und einen dünnen Pullover. In der Hand: das obligatorische Gärtnermesser. Unter den Fingernägeln: Erde als Arbeitsnachweis. Auf dem Weg hat er einen Eimer abgestellt, in dem ein Knäuel Schnur wartet. Wieder und wieder zieht er an dem Band. Das Grün der Dahlien raschelt. Die Knospen schaukeln hin und her. Es sieht aus, als würde ein Hund durchs Beet irren und seinen verlorenen Ball suchen. Winterer beugt sich nach unten, befestigt, ruckelt, knotet, schneidet. So hat er einen weiteren Trieb an der Rankhilfe angebunden. „Von allein würden die Dahlien nämlich gar nicht stehen“, erklärt er. Winterer ist Fachmann – zuständig unter anderem für 12.000 Dahlienpflanzen im Ufergarten. Schon seit 26 Jahren ist er als Gärtner auf Mainau tätig. Mit der Insel verbindet den Konstanzer eine besondere Tradition: Drei Gärtnergenerationen seiner Familie sind hier ausgebildet worden. Dass er stolz darauf ist, hier zu arbeiten, hört man daran, wie er von seiner Blumeninsel erzählt. „Bei der Arbeit als Parkgärtner steht für mich die Pflege an der Pflanze im Mittelpunkt. Das mag ich.“

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Im benachbarten Staudengarten leuchten die Blüten in allen Farben. Die neunjährige Theresa hat sich hinter den Sonnenhut gehockt und zählt laut: „38… 39… 40!“ Doch was wie ein Versteckspiel hinter hohen Stengeln und Grashalmen aussieht, ist eine kleine Volkszählung. Für Eidechsen. „Schon wieder eine: 41“, quietscht ihre kleine Schwester vor Freude und zeigt mit dem Finger aufs Beet. Dort flitzt eine Echse gerade von der warmen Steinplatte in den Schatten der Gräser. „Ich hab‘ noch eine“, ruft Theresa da schon wieder aus ihrem Beobachtungsposten. Die Insel Mainau ist ein Paradies – nicht nur für Kinder und Eidechsen. Auf dem Bauernhof leben Esel, Schafe, Alpakas, Hasen, Hühner, Ziegen, Shetlandponys, Katzen und eine Kuh mit ihrem Kalb. Am Hafen legen Schiffe von vielen Landungsstellen am Bodensee an. Und an nahezu jeder Ecke der Insel können Besucher einkehren – ob im À-la-carte-Restaurant, im Würstlegrill oder in der Selbstbedienungskantine. Dennoch gibt es auf dem weitläufigen Eiland immer wieder lauschige Orte abseits der Hauptspazierwege.

Die Sonne klettert höher am leicht bewölkten Himmel. Durch die beschauliche Bucht braust eine kleine Yacht. Sie dreht eine Runde, ehe der Motor abrupt schweigt. Dann fliegt eine Luftmatratze ins Wasser; es platscht laut, als drei Jugendliche hinterher springen. Ein schwimmendes Entenpaar erschrickt und fliegt schnatternd davon. Am Horizont begegnen sich die Bodenseefähren. Winterer lenkt seine Schubkarre an der Uferpromenade entlang. Mittlerweile schlendern grüppchenweise Besucher durch den Garten. Legen an den Bänken mit der prächtigen Aussicht auf Deutschlands größten See eine Pause ein. Kramen Äpfel und Stullen aus ihren Taschen. Zücken Tablets, Kameras und Smartphones, um die Blütenpracht zu fotografieren. Jedes Jahr bestaunen 1,2 Millionen Besucher den Landschaftspark der 45 Hektar großen Insel Mainau. Was es bedeutet, dort zu arbeiten, wo andere ihren Urlaub verbringen? „Es ist schon etwas Besonderes und macht Spaß“, sagt Winterer. Nach Mainau verschlagen hat ihn übrigens der Zufall: Es war eine Stelle frei, er bewarb sich und wurde ausgewählt.

Das war 1989. Dass zum Mauerfall die Dahliensorte „Berliner Kleene“ der absolute Favorit der Besucher war, daran erinnert sich der Gärtner noch genau. Unzählige Blumen hat er seither wachsen und verblühen sehen. Viele Dahlienköniginnen hat er kommen und gehen sehen. Tom Jones und Rolf Zuckowski, die First Lady, Alexander von Humboldt und Franz Kafka – Andreas Winterer kennt sie alle. Persönlich. Denn das sind nur einige der 273 Dahliensorten, die derzeit auf der Insel wachsen. Im Herbst können Besucher der Mainau die Dahlienkönigin krönen, indem sie für ihre Lieblingsblume abstimmen. Solange ist jede Sorte nummeriert und mit einem Namensschild versehen. Wegen der Wahl der schönsten Dahlie verfügen die Gärtner nicht nur über enormes Fachwissen, sondern sie gehen auch völlig anders mit den Pflanzen um, als es im Hausgebrauch üblich ist. Bis Mitte August schneiden sie nämlich konsequent die Knospen der Pflanzen heraus. So lässt sich die Hauptblüte hinauszögern. Und selbst im Oktober wogt über dem Dahlienhügel noch ein farbenfrohes Blütenmeer. Dahlienkönigin ist in diesem Herbst übrigens Gladiator, eine intensiv leuchtende rot-orangefarbene Sorte mit etwa 23 Zentimeter großen Blüten.

Langsam schiebt sich eine Wolke vor die Sonne. Auf der Stirn des Gärtners glitzern die Schweißperlen. Seinen dünnen grauen Pullover hat er ausgezogen und an die Seite gelegt. Beetpflege steht auf dem Stundenplan: Unzählige verblühte Dahlienblüten hat er schon ausgeschnitten, trockene Blätter entfernt, etliche Pflanzen ausgeputzt. Der Kompostbehälter wird voll und voller. „Montags fangen wir an der einen Ecke an, bis Freitag haben wir den gesamten Dahlienhügel durch, und nach dem Wochenende geht es wieder von vorne los“, sagt Winterer. Im Spätsommer sind die Dahlien die Hauptattraktion im Park, ehe das Blumenjahr mit der Herbstausstellung allmählich ausklingt. Drei große Kompostkisten füllen die Gartenabfälle jeden Tag – dabei sind sie schon gepresst. „Wir kompostieren nicht auf der Insel, da wir dafür den Platz nicht haben“, sagt der Parkgärtner. Außerdem erfolgt die Schädlingsbekämpfung mit Nützlingen.

Im Herbst, wenn die Dahlien ihre Arbeit für dieses Jahr getan haben, werden die Pflanzen wieder ausgegraben. Überwintert werden sie hier trotz des besonders milden Bodenseeklimas nicht – weil der Dahlienhügel in jedem Jahr völlig anders gestaltet wird. Dafür sorgen die Gartenplaner der Mainau, die die Blumensorten permanent variieren. Und was geschieht im Herbst mit denen, die ihre Pflicht erfüllt haben und ausgegraben werden? „Das ist ganz unterschiedlich“, sagt der Gärtner. So nehmen manche Züchter ihre Pflanzen zurück, um sie fürs nächste Jahr als Mutterpflanze zu nutzen. Andere wandern in den Kompost. Winterer knipst zwei welke Blätter von der gelb-roten Semikaktusdahlie „Jessica“ ab. „Die finde ich besonders schön, sie steht auch in meinem Garten“, sagt er. Warum ihm gerade die so gefällt? „Weil der Hund meiner Schwester so heißt“, sagt er und schmunzelt.

2 Kommentare

  1. Nadine sagt

    Hi Julia, da kriege ich ja glatt Lust, am Bodensee mal Urlaub zu machen. Eine schöne Geschichte!
    Vlg,
    Nadine

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