Mama
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Die Kohlrabi-Tragödie

Angeblich ist es eine der einfachsten Sachen auf der Welt, dem Baby ein neues Gemüse vorzustellen. Angeblich. Dass es manchmal auch in einer tränenreichen Tragödie enden kann, davon erzählt dieses Drama – ein zäher Einakter mit massiv traurigem Gemüse und einer ratlosen, aber immerhin gesättigten Mutter…

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Figuren                 

KOHLRABI 1

KOHLRABI 2

KARTOFFELN

LÖFFEL

FENCHELTEE

LÄTZCHEN

BABY NORA

ICH, DIE MUTTER

Eine geschäftige Küche am Sonntagmittag: Ich, die Mutter, sitze auf einem alten Holzstuhl, das Kleid unter einer Schürze versteckt. Auf dem Küchentisch wartet geduldig ein kleiner Löffel im Schälchen voller dampfendem Kohlrabibrei. Daneben: ein Becher mit dünnem Fencheltee, eine Kanne mit Wasser, ein feuchtes Handtuch. Davor: ein kleines hungriges Mädchen namens Nora im Hochstuhl, aus Sicherheitsaspekten ohne Hose und aus Sauberkeitsaspekten mit Lätzchen, das bis zu den Knien und Handgelenken reicht. Ich stehe auf und schalte das Radio ab, rühre mit dem Löffel den heißen Brei um und führe den ersten Löffel mit der grau-grünen Masse zum Mund meiner hungrigen Tochter.

BABY                                    hechelt hungrig und nölt zappelnd Buuäääääääääh!

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MUTTER                            schiebt den Löffel in den Mund des Kindes Es geht ja schon los. und lächelt Heute probieren wir mal etwas Neues, Süße: Kohlrabibrei. Den habe ich extra gestern Abend für dich gekocht! Lass dir das mal auf der Zunge zergehen: am Sams-tag-a-bend!

BABY                                    verzieht leicht das Gesicht, aber mampft mutig drauf los

MUTTER                             fragt sich, ob es nur so aussah oder ob ihre Tochter gerade tatsächlich das Gesicht verzogen hat, beschwichtigt daher sicherheitshalber mit einem strahlenden Lächeln Hmm, das schmeckt lecker! und schiebt schnell den zweiten Löffel hinterher

BABY                                  blickt skeptisch, aber probiert einen Teil der nächsten Breiportion. Schluckt mit einem quietschenden Geräusch. Verzieht das Gesicht erneut.

MUTTER                         befürchtet schon jetzt eine langwierige Fütterung, schielt daher zur Uhr und lächelt ermutigend Super hast du das gemacht! Schmeckt ja auch so gut heute!

LÖFFEL                           Auaaaa! zuckt zusammen Jetzt hat sie mich schon wieder gebissen!

MUTTER                         bemerkt die Bissspuren am Löffel und blickt das Baby irritiert an

LÖFFEL                          Mensch, ich hab noch Rückenschmerzen von gestern und heute probierst du deine bekloppten Zähnchen schon wieder an mir aus?! flucht äußerst wütend So eine Unverschämtheit! Ablutschen sollst du den Brei! Nicht deinen Frust an mir auslassen! Als ob ich etwas dafür könnte, dass dem gnädigen Fräulein nicht schmeckt, was seine kochwütige Mutter hier zusammenbraut.

KOHLRABI 1                    enttäuscht Was für ein Affront!

KOHLRABI 2                     Ich bin auch zutiefst gedemütigt. Da reisen wir extra aus dem Bio-Markt an und dann das! schnaubt verächtlich Ich hatte einen freundlicheren Empfang erwartet!

KARTOFFELN                 rollen mit den Augen Na, das hätten wir euch gleich sagen können. Wir haben ja öfter mit diesem Genießerchen zu tun. Die Kleine hält sich für eine Feinschmeckerin mit ihren vier Zähnchen. Aber soll ich euch mal was verraten???

KOHLRABI 1                       Ja, bitte!

KOHLRABI 2                     neugierig Ich will’s auch hören.

KARTOFFELN                 Stellt euch vor: Der kleine Gourmet in Pampers mag am liebsten Karottenbrei. Karotte! Was für ein Bauernfraß…

KOHLRABI 1                    Ach nee, eine Prinzessin auf dem Möhrchen, oder was?! lacht schallend

KOHLRABI 2                    So eine ist das also. Lautes Gezeter, aber nichts dahinter. Verstehe. Den Trüffelbrei spuckt sie vermutlich im hohen Bogen wieder aus. Na, den Löffel will ich kennenlernen, der die einseitige Karotten-Ernährung mitmacht! Das muss ja ein Taugenichts sein…

LÖFFEL                           wird rot Gestatten, meine Herren: Ich bin der arme Wicht, dessen Haut schon von weitem orangefarben leuchtet, wie Sie vielleicht sehen können. Kein Sonnenbank-Abo, sondern natürliches Beta-Carotin. Bedauerlicherweise.

KOHLRABI 2                    Tatsächlich! Jetzt, wo Sie es sagen…

KOHLRABI 1                     beschämt Mein Mitleid, Herr Kollege! Das habe ich ja nicht geahnt.

MUTTER                           greift zum Fencheltee

FENCHELTEE                 Hilfe! schreit Helft mir! Sonst plätschere ich hier wieder den Stuhl und das Lätzchen und überhaupt alles voll. Was für eine Verschwendung meines kostbaren Ichs!

LÄTZCHEN                      Ich mache lieber schon mal die Augen zu…

MUTTER                          So, Schatz, trink doch erst mal ein Schlückchen! führt den Becher an den Mund des gierigen Babys

LÄTZCHEN                     Ich kann gar nicht hinsehen!

KOHLRABI 1                   So ein Ärger: Ich kriege hier im Schälchen gar nichts mit.

KOHLRABI 2                   legt seinen Arm um Kohlrabi 1 Glaub mir, das ist besser so.

FENCHELTEE                trieft aufs Lätzchen und schwappt in den Babymund Aaaaaaah!

LÄTZCHEN                     Igitt, dieses Ferkelchen! ist von Kopf bis Fuß nass

BABY                                schreit Wääääääääähhhhääähhhhh und verweigert das Trinken

MUTTER                          Och Nora, dann probieren wir’s doch noch lieber weiter mit dem leckeren Kohlrabibrei, was? setzt mit dem nächsten Löffel zum Landeanflug am motzenden Babymund an

BABY                              schreit immer noch Wääääääääähhhhääähhhhh und verweigert auch das Essen

MUTTER                        ratlos Öhm…. schiebt sich selbst einen Löffel voller Brei in den Mund und kommentiert hoffnungsvoll Mmmmmh, der ist ja so lecker!

LÄTZCHEN                    Leute, das wird wieder eine Schlammschlacht heute. Na hoffentlich wirft die Frau nachher wenigstens die Waschmaschine an. Ich kann doch nicht am Sonntag so rumlaufen!

KARTOFFELN              Wäsche am Sonntag?! Das glaubst du doch selbst nicht!

BABY                              schreit immer noch Wääääääääähhhhääähhhhh

KOHLRABI 1                 Dieses Gebrüll! Das kann ja keiner aushalten.

KOHLRABI 2                 Also ich hatte mir unseren Auftrag anders vorgestellt, als man uns für diesen Brei hier gebucht hat. Hättest Du gedacht, dass das mal so endet?

KOHLRABI 1                 unter Tränen Ach was. Ich hatte mich so auf diesen Job gefreut Was für eine Chance, habe ich gedacht. Aber diese Undankbarkeit ist ja wirklich die Höhe! Ich bin sprachlos.

KOHLRABI 2                Stell dir nur mal vor, die ältere Dame von Samstagvormittag hätte uns mitgenommen… ich darf gar nicht dran denken! Ein Festmahl hätten wir ausgerichtet. In exquisiter Gesellschaft!

KOHLRABI 1                 ist noch immer sprachlos

KARTOFFELN              Jetzt kommt aber mal wieder runter, Jungs! Ich gebe zu: Aus dem Feinschmeckerchen wird bestimmt keine exquisite Fünf-Sterne-Köchin, aber es hätte euch doch wirklich schlimmer treffen können. Die Atmosphäre, ja, das ganze Drumherum hier ist wenigstens sehr angenehm.

KOHLRABI 2                 ärgert sich grün

BABY                             wendet sich beleidigt ab und betrachtet fasziniert seine sich öffnende und schließende Faust

MUTTER                     versucht noch einen Breilöffel im Mund ihres Kindes zu platzieren, indem sie mit dem Löffel durch die Luft düst und Flugzeuggeräusche macht Ddschhhhhhhhhhhhuuummmm… Na los, Süße!

LÖFFEL                       Jetzt wird mir auch noch schwindelig. Ich kann so nicht arbeiten!

BABY                            presst die Lippen zusammen und die Zähnchen auch

MUTTER                     deprimiert Mensch, Kleene, was machen wir denn jetzt mit dir? Und mit dem Brei? schiebt sich selbst noch einen Löffel in den Mund

LÖFFEL                        Bakterien von allen Seiten. Wie immer. Mich wundert hier aber auch nichts mehr.

LÄTZCHEN                   atmet erleichtert auf Immerhin bleibe ich so sauber!

FENCHELTEE              Oh nein, bitte nicht! Was hat sie denn jetzt vor?

LÄTZCHEN                  winkt ab Ach, das ist ihr Trick, denkt sie immer bei neuen Rezepten. Funktioniert aber auch nie.

MUTTER                       kippt einen Großteil des Fencheltees in die Schale, um den Kohlrabibrei zu verdünnen. Hast Recht, ist vielleicht ein bisschen dick und dröge geraten.

FENCHELTEE              Also, dass wir uns beim ersten Rendezvous gleich so nah kommen würden, meine Herren Kohlrabi.

KOHLRABI 1                 Sie sind doch nicht schüchtern, Gnädigste?!

FENCHELTEE              errötet Wenn Sie mich so fragen…

KOHLRABI 2                Da denkt man, es geht um ausgewogene ökologische Ernährung – und dann landet man beim Speed Dating. Ich fühle mich absolut deplatziert.

MUTTER                      Probier mal, Nora, so schmeckt’s doch besser! schiebt sich wieder selbst den ersten Löffel in den Mund. Hmmmmm!

LÖFFEL                       Kein Kommentar.

BABY                           lässt keinen weiteren Löffel auch nur in die Nähe seines Mundes kommen, sonst schreit es

MUTTER                     matscht mit Tee und Brei herum und landet keinen einzigen Treffer am Kindermund, trotz vielfältiger und durchaus einfallsreicher Versuche Magst du denn wirklich gar nichts essen heute?

BABY                           Neeeeiiiiiieeeeeiiiiieeeeeiiiieeeeeiiii nölt ablehnend klingende Laute und blickt demonstrativ an der Mutter vorbei zum Fenster hinaus

MUTTER                    imitiert mit dem Löffel eine nahende Lokomotive Sch-sch-sch-sch-sch- Tuuuuuuuuut

LÖFFEL                     Bitte: Wir sind hier doch nicht bei der Verkehrserziehung!

BABY                          Wäääääähhh läuft vor Geschrei schon allmählich im Gesicht rot an

MUTTER                   Mensch, Nora, der schöne Brei! isst selbst einen Löffel und noch einen und noch einen

LÖFFEL                     dankbar Na immerhin beißt sie mich nicht.

MUTTER                  verlässt den Raum und kehrt wenig später mit einem Salzstreuer zurück, um den Brei ordentlich nachzuwürzen

KOHLRABI 2           Aua! Es hagelt Geschmacksverstärker auf meinen Kopf.

MUTTER                  löffelt augenrollend den kompletten Babybrei weg, schürzt die Lippen und nickt anerkennend ob ihrer Kochkünste mit dem Kopf

KOHLRABI 1, KOHLRABI 2, KARTOFFELN, FENCHELTEE verlassen gemeinsam die Bühne, winken dezent zum Abschied

MUTTER                   Lecker!

BABY                         ignoriert sämtliche Handlungen, die mit Essen zu tun haben, und sieht verträumt aus dem Fenster

LÖFFEL                    seufzt Keine Frage: Morgen gibt’s wieder Karottenbrei. Ist auch besser für meinen Teint.

LÄTZCHEN             Du sagst es, Kumpel! Und auch unsere Nerven werden mal wieder geschont.

Übrig bleibt eine dreckige Küche am späten Sonntagmittag. Darin: eine betrübte, aber gesättigte Mutter, ein hungriges und frustriertes Baby, ein Lätzchen voller Flecken und ein Löffel, der nun zwei Narben mehr trägt. Die Mutter putzt dem Baby den Brei aus dem Gesicht und von den Händen, wäscht das Lätzchen aus, wischt den bekleckerten Stuhl ab und über den in Mitleidenschaft gezogenen Fußboden. Dann schaltet sie wieder das Radio an.

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