Größenwahn, Mama
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Fight Club im Kinderzimmer

Fight Club im Kinderzimmer

Muttersein ist der gefährlichste Job der Welt. Denn beim unfreiwilligen Fight Club im Kinderzimmer geschehen die schmerzhaftesten Dinge. Der Raum ist ein Minenfeld aus Legosteinen und – schlimmer noch: Barbie-Pumps. Deshalb fordere ich eine Gefahrenzulage zum Kindergeld. Dringend! Die Lage ist ernst, denke ich, während mir das Blut aus der Nase tropft. Mal wieder.

Ich habe mit Nora ein Buch gelesen. In der Kuschelecke. Ganz entspannt und gemütlich. Dann ist sie plötzlich aufgestanden, als ich mich zum Umblättern vorgebeugt habe – und schwupps habe ich erst ihre blonden Haare an meiner Nase und dann viele, viele, viele Sterne gesehen. Aua! Schon wieder ein Zusammenstoß der Superlative. Ganz ohne Toben. Eigentlich mag ich nicht diese hypervorsichtigen Eltern, die ihre Kinder fast ausschließlich mit den Vokabeln „gefährlich“, „Achtung“, „nein“, „nicht“, „Vorsicht“ und „Aufpassen!“ bewerfen. Und dennoch sage auch ich die Panikwörter immer wieder zu meinen Kindern. Wer aber, bitteschön, sagt sie zu uns Müttern? Und: Warum nur tut es niemand?

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Rangeln mit Knock-out beim Fight Club im Kinderzimmer

„Ganz klar: gestauchte Nasenscheidewand“, diagnostiziert der Arzt bei mir wenig später. Ich sehe immer noch den Sternenhimmel. Sternenhimmel. Sternenhimmel. Oho. „Das ist nichts Schlimmes, aber sehr schmerzhaft“, sagt der Fachmann. Ich muss die Nase kühlen. Und während ich mir zuhause Noras Kühlpferd an die Nase presse und mich frage, wieviel IQ ich durch diese Kopfnuss beim Fight Club im Kinderzimmer einbüßen muss, klingelt das Telefon. Meine Freundin erzählt mir, dass sie einen Karrierewechsel anstrebt. Sie wird Harry-Potter-Double. „Hä? Wieso das?“, frage ich. „Ganz einfach“, erklärt sie, „ich habe auf der Stirn so viele blutige Schnittwunden, dass ich aussehe wie der Zauberpimpf mit seiner Blitznarbe.“ Ich erinnere mich dunkel. „Dann freu Dich doch, Du hast den Todesfluch von Lord Voldemort überlebt. Du bist eine Heldin“, sage ich. Und frage, wie das überhaupt passiert ist. „Ach, Felix wollte mir seinen Malblock nicht geben, dann haben wir albern gerangelt und irgendwie bin ich ausgerutscht und hab mich an den Zetteln geratscht.“ Ich sehe es vor mir: Rangeln mit dem Vierjährigen und unfreiwilliger Fight Club im Kinderzimmer. Mit Knock-out.

Fast wie bei mir. Denn ich habe in unserem Haushalt leider den allergrößten Bedarf an Prinzessinnen-Pflastern – weil ich mir für keine Kollision, kein Ausrutschen und kein Flummi-an-den-Kopf-Bekommen zu schade bin. Oder weil ich einfach chronisch zu müde bin. Aber ist das Zufall? Sind es tatsächlich immer ungünstige Umstände? Nein. Es muss mehr dahinterstecken. Eine Verschwörung, die bislang noch niemand aufdecken konnte. Nicht mal Florentin Ulfkotte:

Die Verschwörung der Kindereinkaufswagen

Warum denn gibt es mittlerweile in allen Drogeriemärkten diese bescheuerten Kindereinkaufswagen? Naaaa? Genau: Damit die Lütten uns damit über den Sandalenfuß heizen, bis die Ferse abgeschürft und der Nagel eingerissen ist und wir dringend neues Verbandsmaterial für den Erste-Hilfe-Koffer kaufen müssen. Ist der Kindereinkaufswagen etwa eine Marketingstrategie??? Oder geht der Komplott weiter? Warum ratschen wir uns beim Lesen und Malen an scharfen Buchseiten? Steckt die kassenärztliche Vereinigung mit der Kinderbuchbranche, vielmehr noch der ganzen Literaturszene unter einer Decke? Ha, bester Beleg ist ja wohl der „Lesezirkel“, diese Vermietung von Zeitschriften, die in jedem Wartezimmer zu finden ist. Nachtigall, ick hör’ dir trapsen!

Beispiele von verletzten Müttern kenne ich viele. Zu viele. Da springt der mit Schwimmflügeln gesicherte Neopren-Zwerg einer Freundin im Freibad volle Pulle auf den Rücken, dass akut etwas wieder eingerenkt werden muss. Es kommt nicht von ungefährt, dass Physiotherapeuten oftmals mit Badeanstalten kooperieren. Da wird im Garten mit Stöcken geschlagen und prompt ist Mamas neue Strumpfhose ein Fall für die Mülltonne. Oder mit der Wasserpistole schießt der Planschbecken-James-Bond mir die Kontaktlinse aus dem Auge. Moment mal… erst jetzt fällt mir auf, dass auf der Internetseite meines Kontaktlinsen-Shops immer Werbung von Plastik-Gartenspielzeug auftaucht. Das kann kein Zufall sein!

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Ich denke an meine Freundin, die nach einem nächtlichen Alptraum-Boxkampf im Familienbett wochenlang glaubte, einen Tumor am Kiefer zu haben. Zig Ultraschall-Untersuchungen, HNO-Ärzte und sogar Unikliniken konnten ihr nicht helfen – bis sich der Knubbel als Hämatom herausstellte, das ihr einzig und allein ihr Sohn verpasst hat. Kollaboriert der Deutsche Boxverband also mit dem Hals-Nasen-Ohren-Geheimbund?

Es klingelt an der Tür. Jemand muss Wind von meinen Enthüllungen bekommen haben und nun verhindern wollen, dass ich damit an die Öffentlichkeit gehe. Mit der Attitüde eines Meisterdetektivs schaue ich durch den Türspion und sehe eine Freundin, völlig entstellt mit einem dicken blauen Auge und blutunterlaufener Pupille. „Auweia, sind sie Dir auch auf die Schliche gekommen? Ist das die Strafe dafür, dass wir ihr Spiel durchschauen?“ Fragend sieht sie mich an. Zeigt mir einen Vogel. Und erklärt: „Frag bitte nicht. Edgar kann immer noch nicht seinen dicken Kopf halten und wir sind wirklich heftig zusammengeknallt.“ Der Säugling auf ihrem Arm grinst mich schuldbewusst an. Und ich lache. Noch mehr Komplizen. Für unseren unfreiwilligen Fight Club im Kinderzimmer. Na dann: Hals- und Beinbruch.

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