Mama, Zwerge
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Berufswunsch? Barkeeperin!

Freundebücher sind das analoge Facebook für Kindergartenkinder. Für Mütter bedeuten sie nachmittägliche Hausaufgaben und eine Menge Macht: Wie sollen sie ihr analphabetisiertes Kind inszenieren? Und: Was verraten Freundebücher über unseren Zwang zur Selbstdarstellung?

Es vergeht kaum eine Woche, in der aus dem Kindergartenfach nicht eines dieser Alben grient: Freundebücher führen schon die Allerkleinsten. Ein hungriges Steckbriefalbum, das am Nachmittag mindestens eine halbe Stunde Zeit mampft. Denn mit dem Beginn der Krippenzeit ist die Jobbeschreibung für Mütter um eine – nicht unerhebliche – Aufgabe gewachsen: das Ausfüllen der Freundebücher. Von Müttern. Für Mütter.

Das Paradoxe an den glitzernden Alben, die kleine Kinder so lieben: Sie sind ein Abziehbild unserer Selbstdarsteller-Ära. Nur mit einem Manko: Hier, im Freundebuch der Unter-Sechsjährigen, sind es nicht die Darsteller selbst, die sich besonders witzig und klug inszenieren. Es sind die Mütter, die in Freundebücher Fremdbilder ihrer analphabetisierten Kinder in den schillerndsten Farben zeichnen. Oder zeichnen lassen: Denn das Ausfüllen eines Steckbriefalbums bedeutet immer unfreiwilliges Malen mit dem Kind für einen Kindergarten-Kameraden, der es – auch das noch! – nicht einmal selbst lesen kann.

Freundebücher sind wie Köder

Für Mütter, deren Mitstreiterinnen solche Alben zum Teil schon in der Krippe auslegen wie einen Köder, bedeutet das Ausfüllen Synapsen-Ping-Pong. Weil es gilt, sich möglichst coole Hobbys für den Nachwuchs auszudenken. Und wenn das Kind nach fünf Minuten mault: „Ich hab‘ keine Lust mehr“ ist lange nicht Schluss. Denn es muss die krakelige Unterschrift originalgetreu gefälscht werden (klappt bei Rechtshändern übrigens am besten mit Links). Dann bitte Kerzen ausmalen für die Lebensjahre – aber nicht zu ordentlich! Und sich humorige Antworten ausdenken. Etwa wenn in „Eiskönigin“-Freundebücher eingetragen werden soll, was man an Eis und Schnee mag. Ähm… gute Frage. Vielleicht Vanille mit bunten Streuseln? Schwieriger wird es im Pferde-Album: Was ist denn die liebste Pferderasse der Dreijährigen?! Die Freundebücher  von „Die drei ??? Kids“ fragen sogar nach dem Lieblingsdetektiv des Kindes. Bei all den nichtigen Rubriken ist mitunter nicht mal Platz für das Geburtsdatum. Dann wieder fehlen Adresszeilen, was besonders ärgerlich ist, wenn man kurz vor dem Spieldate die Hausnummer vergessen hat. Dabei könnten die Alben bereits im Kindergartenalter als analoge Informationsträger so praktisch sein.

Gender-Studie im Schnelldurchlauf

Weitaus entspannter als das Ausfüllen ist das gemeinsame Blättern in den Freundebüchern. Denn sie lesen sich nicht nur wie ein Banalitäten-Kabinett. Sondern sind eine Gender-Studie im Schnelldurchlauf. Matilda steht total auf „Bibi und Tina“, Luis auf „Paw Patrol“. Hanna posiert auf dem Foto wie eines von Heidi Klums Möchtegern-Models. Luca mag Baggerfahrer werden. Elias rutscht gerne. Und Lea ist blond. Aha. Zum Glück retten skurril-unterhaltsame Einträge wie die von Viktoria die schleppende Lektüre: Ihre Mutter trägt tatsächlich in jedes Album ein, Viktoria würde gern Barkeeperin werden wollen. Mit vier Jahren! Tom möchte später Eis verkaufen, weil er dann den ganzen Winter frei hat. Und Max wird „Ninjago“-Kämpfer. Heute mag der Buchstabensalat für fleischfressende Analphabeten wie Zeitverschwendung erscheinen. Was für ein Fundus die Kindergartenalben sein können, werden Matilda, Luis und Elias wohl erst in einigen Jahrzehnten entdecken. Dann schmunzeln sie über all die einstigen Vorlieben. Besonders über die, die ihre ambitionierten Mütter fabuliert und hinzu geschummelt haben.

 

Interview zum Thema Freundebücher

„Poesiesalben sind ein Schatz“

 

Herr Dr. Walter, für Ihre Dissertation haben Sie 2800 Einträge aus Poesiealben ausgewertet und auch die Ursprünge dieser Alben beleuchtet. Sie reichen bis ins 16. Jahrhundert zurück. Welche Art von Album haben die Menschen einander damals geschrieben?
„Die Tradition der sogenannten Stammbücher lässt sich bis ins Wittenberg der Reformationszeit zurückverfolgen. Damals haben sich die männlichen Studenten Autographen der Reformatoren besorgt. Aufgebaut waren diese Einträge in der Regel in ein Bibelzitat, dessen Exegese, also die Auslegung, und eine Schlussformel mit Unterschrift. Diese Einträge bilden eine Art Prototyp für die Einträge der aufkommenden Albumsitte, die sich dann auch relativ schnell auf andere Universitätsstädte ausgeweitet hat. Den ersten großen Wandel gab es dann im 18. Jahrhundert: Die Einträge waren bis dahin überwiegend in den Bildungssprachen Latein und Griechisch verfasst worden, aber nicht nur. Ab etwa 1750 gab es Sprüche auch auf Deutsch, zudem übernahmen Frauen die männliche Studentensitte. Erst im 19. Jahrhundert dann ist die Tradition vorwiegend von Mädchen aufgegriffen worden, die das sogenannte „Album Amicorum“, das Freundschaftsbuch, in die Schule mitnahmen.“

Welchen Stellenwert haben Poesiealben für die Erinnerungskultur?
„Sie sind ein Schatz – nicht nur aus wissenschaftlicher Sicht. Man wirft sie nicht weg, weil sie handschriftliche Zeugnisse von Menschen enthalten, von denen nichts mehr übrig ist. Gerade wenn die längst verstorbene Uroma sich eingetragen hat, hat das natürlich eine ganz große persönliche Bedeutung. Außerdem lässt sich an ihnen wunderbar Sozialisationsforschung betreiben. Das gilt natürlich auch für die Freundschaftsalben.“

Wann sind denn diese Steckbriefalben, die Freundebücher, entstanden?
„Ich denke, sie sind Ende der 1970er Jahre, spätestens aber in den 1980er Jahren in der Schule populär geworden. Wann und wie sich die Produktgeschichte entwickelt hat, das ist relativ wenig erforscht. Im 19. Jahrhundert hat es in Amerika einen Vorläufer gegeben: Diese sogenannten „Mental Photographs“ aus dem Jahr 1869 waren Steckbriefalben für Erwachsene. Ob es bis zu den heutigen Alben eine Kontinuität gibt oder sie noch einmal aufgegriffen worden sind, ist mir nicht bekannt. Die Freundschaftsalben sind eine Art Nachfolgeform der Poesiealben. Sie sind natürlich viel einfacher aufgebaut: In der klassischen Alltagssituation lassen sie sich viel schneller ausfüllen als die Blanko-Alben. Sie sind eine zeitgenössische Variante mit derselben Funktion.“

Und wie schätzen Sie die Bedeutung dieser Alben in Zeiten von digitalen Selbstdarstellungs-Plattformen wie Facebook und Instagram ein?
„Durch die Digitalisierung entfällt natürlich das Autographe, die persönliche Handschrift. Es heißt zwar immer, das Internet vergesse nie, was einmal online ist. Aber ich bin mir gar nicht sicher, inwiefern all das lange erhalten bleibt, wenn sich die Formate permanent ändern. Wer weiß, wie es in 20 bis 30 Jahren mit den sozialen Netzwerken aussieht. Insofern wird das Freundschaftsalbum als analoges Erinnerungsmedium sicher Bestand haben.“

Dr. Stefan Walter ist Mitarbeiter des Arbeitsbereichs Allgemeine Pädagogik an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg. Seine Forschungsschwerpunkt sind unter anderem Werte- und Wertwandelforschung, seine Dissertation trägt den Titel „Zum Einfluss staatlicher Rahmenbedingungen auf die Werte der Bürger am Beispiel von Einträgen in Poesiealben in DDR und Bundesrepublik zwischen 1949 und 1989“.

1 Kommentare

  1. Die Freundebücher sind für die Eltern meistens interessanter als für die Kinder. Kann man doch ein wenig über die Gedankenwelt anderer Eltern erfahren. Aber im Zeitalter von social media ist das eine Bagatelle. Die Sprüche in den Poesiealben waren meistens die selben und zum Teil höchst albern.

    https://www.trusted-blogs.com/magazin/blog/dAn2ZE

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