Größenwahn, Mama
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Ich höre was, das du nicht hörst

Steht Nutella auf dem Tisch, dreht das Kind durch. Hört es das Wort Badewanne, wirft es sich auf den Boden. Und jetzt? Ich höre was, das du nicht hörst!

Ich habe eine Selbsthilfegruppe gegründet, denn ich höre was, das du nicht hörst. Ihr Name: „Hilfe, mein Kind hat einen Turbo-Boost-Knopf wie K.I.T. bei ‚Knight Rider‘.“ Das klingt lustig. Ist aber kein Witz. Sondern die bittere Erkenntnis, dass Nora total durchdreht, sobald man ein falsches Wort sagt. Also eines von vielen, vielen falschen Wörtern. Ein Diagnoseversuch. 

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Meine Selbsthilfegruppe ist wegen Überfüllung schon beinahe wieder geschlossen. Denn all meine Freundinnen sind leidgeplagte Mitglieder. Und auch ihre Mamakolleginnen aus Krippen. Und die aus den Kitas. Außerdem manche vom Kinderturnen. Welche aus dem Yogakurs und der Krabbelgruppe stehen schon Schlange, um beitreten zu können. Eines unserer ersten Treffen ist zum Frühstück. Ausgerechnet! Denn schon bevor wir Betroffenen alle Kinder mit Lätzchen verknotet und in Kinderstühlen angeschnallt haben, wabert ein Nebel der Geheimniskrämerei durchs Esszimmer. Wir Mütter spielen „Ich höre was, was du nicht hörst“. Meine Freundin zupft an meinem Pulliärmel und nimmt mich zur Seite. „Pssssst, sag mal…“, fängt sie an und ich denke schon, ich müsste jetzt ein „H“ aus ihrem aufgeschlagenen Mantel kaufen, wie damals beim Alphabet-Exhibitionisten der „Sesamstraße“. Aber Fehlalarm. Ihr Anliegen ist ernster. Weitaus ernster. „Wie ist das denn bei Euch mit dem N-Wort?“, fragt sie mich leise. Und ich kann nur eines sagen: „Häää?!“ Sie: „Na, das N-Wort!!!“ Ich zucke mit den Schultern und frage, was das sein soll. Sie kommt näher und näher und flüstert mir ins Ohr: „Nutella.“ So leise, dass ich es kaum höre. Aber nicht leise genug: Ihr Sohn Moritz guckt schon hellhörig zu uns, zeigt auf sein Frühstücksbrettchen und brüllt: „Tella!“ Es klingt wie die aufgeladene Stimmung bei einer Demo zur Befreiung der Nussnougatcreme aus dem Küchenschrank. Die anderen Kinder – die meisten sind noch nicht einmal zwei Jahre alt! – kapieren sofort, worum es hier geht, und skandieren im Chor: „Tella! Tella! Tella!“ Ich muss vor Schreck schlucken. Das Problem, es ist noch größer, als ich gedacht habe.

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Dabei war ich mir immer sicher: Alles wird viel einfacher, wenn Kinder endlich sprechen können. Und wenn sie verstehen, was wir Eltern sagen. Das glaubte bis vor Kurzem nicht nur ich. Das glaubten offenbar alle Eltern unschuldiger Kleinkinder. Seit ein paar Wochen weiß ich: Das ist Bullshit! Quatsch mit Naivitätssoße! Reden und Zuhören macht die Mutter-Kind-Kiste zu einem Hürdenlauf auf Olympische-Spiele-Niveau. Es ist nämlich ein Parcours zwischen Synonymwörterbuch und Pantomimenspiel, den niemand meistern kann. Nicht mal Rhetorikprofessoren.

„Siehst du“, sagt meine Freundin genervt. „Jetzt dreht Moritz völlig am Rad, bis er N – U – T – E – L – L – A essen darf.“ Sie buchstabiert im Flüsterton. Denn: Ich höre was, das du nicht hörst. Doch Moritz kennt das Glücksrad-Buchstabieren schon zur Genüge. Und ruft „Ennn Utete Ellellaaaaaa, Mama!!!!“ Meine Freundin rollt mit den Augen. Moritz hüpft im Kinderstuhl auf und ab und auf und ab und auf und ab. Aufstand im Schlaraffenland.

„Wahnsinn! Dein Zweijähriger kann buchstabieren“, mischt sich eine andere Freundin ein, die Lehrerin ist. Sie hat mit ihrer Tochter Emma dasselbe Problem wie wir alle. Sagt sie aus Versehen eines dieser Reizwörter, tickt Emma aus. „Kekse“ ist so ein Wort. „Pommes“ auch. Oder „Spielplatz“. Wenn in ihrer Gegenwart jemand davon spricht, wirft sich Emma wie auf Kommando auf den Boden – schreit und weint und boxt und tritt und kriegt sich kaum wieder ein. „Es ist die Hölle“, stöhnt meine Freundin genervt. Deshalb spricht sie nur noch in Synonymen. Denn: Ich höre was, das du nicht hörst. Wenn sie ihrem Mann vor dem Einkaufen bitten möchte, er solle Kekse mitbringen, erzählt sie ihm von Gebäckstückchen. Wenn sie überlegen, ob sie abends Pommes essen wollen, sprechen sie über „frittierte Kartoffelstangen“. Und wenn es vielleicht am Nachmittag noch auf den Spielplatz geht, faselt sie vom „Open-Air-Fitnessstudio für Minderjährige“. „Ihr glaubt es nicht“, sagt sie, „aber unser Wortschatz ist dadurch enorm gewachsen!“ Und Emma? Die ist noch nicht hinter die umständlichen Bezeichnungen gekommen. Noch nicht.

Felix‘ Mama spricht von ihrem dauerhaft irgendwo versteckten iPad nur noch als vom „Apfeltörtchen“. Emmas Mama nennt die Schaukel im Garten nur noch „das hängende Holzbrett“. Und Moritz‘ Mutter hält den Medaillenrekord für besonders ausgefuchstes Erzählen – dabei berichtet sie nur kurz vom Weihnachtsmarktbesuch am Wochenende. Aber das Karussell ist in ihrer Beschreibung ein „im Kreis driftendes Feuerwehrauto mit scheußlicher Musik“. Die Waffel ist „dieser herzförmige Quetschteig mit Puderzucker“. Und der allseits viel zu beliebte Streichelzoo der „stinkende Vierbeiner-Swingerclub“. Denn: Ich höre was, das du nicht hörst. Wer eingeweiht ist in ihre Ersatzbezeichnungen, der versteht es und schmunzelt. Ich merke, dass ich bei so viel Synonymen gar nicht mehr zuhören kann und darüber nachdenke, ob ein Fremdwörterbuch helfen kann?! Wir brauchen dringend ein „Kind – Deutsch / Deutsch – Kind“-Wörterbuch. Oder gleich die Zweisprachigkeit und wir sagen alles nur noch auf Norwegisch oder Englisch? Auch irgendwie seltsam…

Beim Abendbrot, als die Debattierrunde vom Vormittag schon fast vergessen ist, überlegen wir, ob wir noch Lust haben, Nora in die Badewanne zu stecken. Es ist unser Reizwort Nummer Eins: Baden! Besonders nach 18 Uhr sollte man es nicht vage formuliert aussprechen. „Eine Runde Knirps-Aquarium schaffen wir doch noch!“, sage ich zu meinem Mann. „Wie bitte?“ Er versteht mich nicht. „Na, Jacuzzi mit Quietsche-Entchen!“ Er versteht mich nicht. „Mensch: Whirlpool im Schnelldurchlauf, es ist ja schon fast sieben!“ Er versteht mich immer noch nicht. „Ich meine Baden!“ Nora reißt sich das Lätzchen vom Hals, steht in ihrem Kinderstuhl auf und wiederholt die Demonstration von heute Morgen. „Jaaaaaaaaa“, brüllt sie. „Baden! Baden! Baden! Baden!“

Mein Mann und ich lernen jetzt Chinesisch!

6 Kommentare

  1. Was für herrliche Synonyme! Bei uns geht noch Englisch, aber die Große kommt nächstes Jahr in die Schule, dann ist das bald auch vorbei… 🙂

  2. Super witzig! Ich musste nicht schmunzeln, sondern laut lachen! Ich fände eine Wörterersatzsammlung super! Noch boxen wir uns hier mit schlechtem Englisch durch, wenn wieder ein „Reizwort“ gebraucht würde. Aber man kann ja nicht genug Auswahl haben, um Reizwörter zu umgehen! Herrlich! Bei der Selbsthilfegruppe bin ich dabei! 🙂

  3. julia sagt

    hi, auch ich wäre bei der Selbsthilfegruppe dabei!!! Herrlich lustig geschrieben und ich finde mich überall wieder… „tella“ und „ipad“ gehen im Moment gar nicht! 🙁

    • Hallo Julia. Vielleicht hilft uns sprachlosen Müttern ja auch Gebärdensprache?! Netter Nebeneffekt: Macht die Kinder motorisch fit, wenn sie das versuchen nachzuahmen 😉

  4. Marina sagt

    Hi! Schon wieder so eine schöne Geschichte (: kannst mich übrigens gern auf die Warteliste für die Selbst-Hilfe-Gruppe setzen, ich hätte auch GROOOOOSSES Interesse!!!!!!

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