Mama
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Schutt abladen
verboten

Es passiert jeden Tag. Jeden Vormittag. Jeden Mittag. Jeden Nachmittag. In einem Radius von drei Metern rund um meinen Kinderwagen und mich fallen alle Hemmungen. Wirklich: alle. Schon vor einem Jahr, als ich noch einen mickrigen Babybauch vor mir herschob, ging das los. In der Umkleidekabine im Schwimmbad offenbarten mir Sportsfreundinnen, die mich sonst nicht mal im Becken nass spritzten, plötzlich ihre Fehlgeburtendramen. Ich war schockiert.


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Was mit dem Allerlei an Schwangerschaftsthemen begann, hat sich heute zur akribischen und mitunter sehr persönlichen Stammbaum-Ausschmückung gemausert. Nun bin ich niemand, der einem kurzen Plausch mit Wildfremden abgeneigt wäre. Ganz im Gegenteil. Doch urplötzlich bin ich zur Hobby-Seelsorgerin und Teilzeit-Psychologin geworden. Höre mir Intimitäten an, die ich nur volltrunken anonym am Sorgentelefon verraten würde. Und ich merke, dass es mein Gegenüber oft nicht mal annähernd interessiert, was ich dazu sagen könnte. Was die Sache erleichtert: Die Senf-Abgeber und Schutt-Ablader lassen sich in wenige Kategorien einteilen.

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Am häufigsten gibt es den Typen knuffiger Rudelführer – eindeutig mein Paketbote! Eigentlich hat er nur kurz etwas abzugeben – plötzlich steht er minutenlang selig lächelnd im Wohnzimmer, weil er dort ein brabbelndes Baby gehört hat. „Na klar“, denke ich augenrollend, „wenn Sie auch Vater sind, kommen Sie doch gerne rein. Was darf ich Ihnen anbieten: Kaffee? Gebäck? Bierchen?“ Ein echter Rudelführer kennt nämlich keine Berührungsängste. Ich schon. Selbstverständlich ungefragt spult er den komplexen Status quo seiner heißgeliebten Sippe ab. Dass der Kleine diese Woche schon seine Führerscheinprüfung und die Große sogar beinahe ihr Auslandssemester hinter sich hat. Dass seine Frau seit dem Erziehungsurlaub nicht mehr gearbeitet hat. Dass man gar nicht glauben könne: Die waren ja auch mal so klein! Und dass man die Zeit unbedingt genießen solle, denn die bringt einem niemand wieder und die geht ja viel zu schnell vorbei. Ach so? Hochinteressante Erkenntnisse, die ich noch nie zuvor gehört habe! Immerhin: Sich von knuffigen Rudelführern etwas erzählen zu lassen, ist angenehm harmlos, wenn auch mitunter etwas langatmig. Und da es diese Softies so oft wie Fusseln am Schnuller gibt, hört man solche Sätze immer und immer wieder, sodass man sie bald mitsprechen kann. Was wiederum dazu führt, dass es immer mehr auskunftsfreudige Rudelführer auf der Welt gibt. Auch eine Art der Fortpflanzung – durch Zusülzen…

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Härter sind die wenn auch kurzen Aussagen der hochgiftigen Melodramatiker. Warum? Weil sie einen jedes Mal eiskalt aus dem Nichts erwischen. So etwa an der roten Ampel, als die grauhaarige Dame offensiv in den Kinderwagen blickt und mit zusammengekniffenen Augen durch den Nieselregen sagt: „Ich hatte ja Gebärmutterhalskrebs.“ Huch! Warum erzählt sie mir das? Was möchte sie damit bezwecken? Und verdammt noch mal: Was soll ich darauf antworten? Duellieren wir uns jetzt mit unseren Schirmen? Laufe ich einfach schnell weg? Oder tue ich so, als wäre ich spanische Touristin mit Sprachproblemen und stammele zögernd ein „Señora…“ bis die Ampel grün wird? Eins habe ich gleich gemerkt: Zum Typ der giftigen Melodramatiker gehört – na logo! – auch meine Bekannte aus dem Schwimmbad. Es sind tragische Heldinnen: ausschließlich weiblich, was die Identifizierung vereinfacht! Sie wollen zwar glücklicherweise kein Mitleid, aber am liebsten auch überhaupt keine Reaktion auf ihre zumeist bitteren Aussagen. Das macht die Sache nicht einfacher.

Genau das, nämlich: einfach, ist erfreulicherweise die Monolog-Masche des unfassbar sanftmütigen Fans. Auch dieser bedingungslos in Babys verknallte Schwärmer erwartet keineswegs Antworten oder Gegenfragen. Kürzlich in einem Fahrstuhl ist mir wieder einer begegnet. Er versteckt sich in einem muskulösen Körper mit elegantem Anzug drumherum, den ich eher einem toughen Macho zugeschrieben hätte. Von der Kurzhaarfrisur bis zu den Lederschuhen strahlt er Glückseligkeit aus und sagt: „Sie sind einfach das Schönste…“ Ups. Bei seinem durchdringenden Lächeln drohe ich schon rot zu werden. Also das hat zu mir ja schon lange niemand mehr… – dann seufzt er und vollendet seinen Satz: „Kinder!“ Achso! Ich bin erleichtert, dass ich die Klappe gehalten habe. Die Situation hätte peinlich für mich ausgehen können, keine Frage. Nach mehreren Begegnungen mit unfassbar sanftmütigen Fans weiß ich: Diese Spezies spricht übrigens auch gern Komplimente aus, die dem gängigen Flirtjargon entliehen sind. „Diese Augen!“ oder „Hallo, du süße Maus!“ sind ganz typische Sätze. Das sollte man wissen, um blamablen Schäker-Manövern mit den männlichen Versionen ausweichen zu können.

Wer diese drei Typen einmal durchschaut hat, verfügt über unbezahlbares Kinderwagen-Knowhow. Darauf lässt sich täglich zurückgreifen. Ich muss gestehen: Die neue Mitteilungsbedürftigkeit meiner Mitmenschen hielt ich zunächst für eine enorme Anteilnahme an meiner Schwangerschaft. Das fand ich schmeichelhaft – und anfangs auch sehr unterhaltsam. Mittlerweile habe ich kapiert: Es geht den meisten nur darum, endlich eine Zuhörerin gefunden zu haben und ihre Monologe abzuspulen. Immerhin bin ich ja aus freien Stücken dem größten Klub der Welt beigetreten: dem der stolzen Eltern. Das Kleingedruckte in der Vereinssatzung muss ich überlesen haben. Dass man sich permanent von anderen Eltern die eigenen Kinder-Stories anhören muss, davor hat mich leider niemand gewarnt. Vielleicht kann ich passives Mitglied werden, um davon verschont zu bleiben? Oder einfach selbst offensiv jeden vollquatschen, damit nicht ich mir so vieles anhören muss? Denn wenn das so weitergeht, halte ich das nicht aus. Nicht jeden Tag. Nicht jeden Vormittag. Nicht jeden Mittag. Nicht jeden Nachmittag.

1 Kommentare

  1. Stefanie sagt

    Hi Julia. Schöner Text! So ist das als Mutter, man muss einiges ertragen. Kenne ich nur zu gut, diese aufdringlichen Gespräche. Sehr witzig geschrieben!!!!

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