Mama, Zwerge
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Sicher ist sicher

Fahrradfahren mit Kind in Italien - zwischen knatternden Rollern, hupenden Autos und fluchenden Fahrern. Das klingt nach Abenteuerurlaub. Ist es auch. (Foto: Julia Marre)

Seit ich Mutter bin, kaufe ich ständig TÜV-geprüfte Dinge. Teure Autokindersitze mit zertifiziertem Anschnallsystem. Die stabilsten Fahrradkindersitze überhaupt, die Testsieger-Fahrradhelme und sogar beim kurzen Spaziergang in der Karre wird das Kind angeschnallt. Um zu lernen, an welch einer Angsthasenzimperlichkeit ich leide, habe ich erst Fahrradfahren mit Kind in Italien erleben müssen. Was ich dabei gelernt habe? Dass südländische Muße das Beste ist, was Müttern passieren kann.

Schon als ich ihn das erste Mal sehe, weiß ich: Wir werden keine Freunde. Er ist ein klappriger Typ, bestimmt so alt wie ich, gelb und aus Plastik – ein Kinderfahrradsitz, der schon einiges erlebt hat. Ohne TÜV-Siegel, ohne GS-Aufkleber oder sonst ein vertrauenerweckendes Zertifikat: nichts. Keine Kopflehne, kein verstellbarer Gurt oder wenigstens ein Klick-Verschluss, keine Rückenpolsterung. Mein Herz schlägt schneller und schneller. Und noch schneller, weil mir bei seinem Anblick das einzige einfällt, das ich im Urlaubsgepäck vergessen habe: Noras Fahrradhelm. Ausgerechnet! Und jetzt?!

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Unfassbar stolz präsentiert uns Opa Giorgio, der braungebrannte Bilderbuchitaliener mit kaum zugeknöpftem Hemd über den sehr, sehr kurzen Jeanshotpants, den Fahrradsitz. Mit seinem unbändigen Mitteilungsbedürfnis preist unser Vermieter den Kindersitz an, als erwarte er dafür auch noch Lob. Aber das Nasenrümpfen und den skeptischen Blick kann ich mir nicht verkneifen. Dann scheppert es in seinem Keller zwischen der vollbepackten Werkbank und dem dicken Fass mit vor sich hin müffelndem angesetzten Wein – und er zaubert zwei Räder hervor. Die haben Klebebandflicken auf den Satteln, schmantige Griffe am verbogenen Lenker, rostige Felgen und – natürlich – kein Licht. Sie haben locker schon drei deutsche Fußballweltmeistertitel miterlebt. Aber sie haben eine Halterung für den gelben, klapprigen Plastikkindersitz am Rahmen. Dass die nur halbwegs kompatibel mit dem Sitz ist, zeigt sich schnell: Unser italienischer Gast-Opa rammt mit aller Kraft und tatkräftiger Hilfe meines Mannes den Sitz ans Rad. Irgendwie muss das ja passen! Nach einigen Versuchen und viel Rumkloppen auf dem ohnehin schon mitgenommenen Kindersitz und dem alten Rad hält er. Zwar wackelig, aber er scheint irgendwie fest zu sein. Leider.

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Nun ist der Kindersitz die eine Sache. Die Selbstverwirklichung der Italiener im Autoverkehr ist eine andere. Sollen wir unter diesen Bedingungen – ohne Helm und ohne Gurt! – hier tatsächlich auch nur einen Meter Fahrrad fahren?! Realistisch betrachtet ist all das der absolute Horror. Sportlich betrachtet: eine Herausforderung. Und pädagogisch betrachtet sollen es für mich – eine bestimmt nicht übervorsichtige Mutter – sehr lehrreiche Tage werden. Mir ist mulmig zumute, als wir Nora am späten Nachmittag in den Kindersitz setzten. Nicht nur, dass sie beim ersten Versuch mit Opa Giorgio gebrüllt und sich geweigert hat, den Sitz zu testen. Nein, sie hat ja auch keinen Verschluss, kaum Halt also. Den Plastikgurt, der locker am Sitz baumelt, befestigen wir mit einem Doppelknoten vor ihrem Bauch. Die Schlaufen an den Füßen sind viel zu groß und viel zu weit, ihre Beine noch zu kurz. Aber sie lässt sich provisorisch anschnallen und hält sich gut am Lenker fest.

Unsere erste Fahrt ist ein Abenteuer. Nicht nur, dass an meinem Rad die Bremsen kaum funktionieren und die Kette bei jedem Pedaltritt laut rasselt – ich will mich ja nicht nur auf mein Rad konzentrieren, sondern auch Nora und ihren Papa im Blick behalten. Einen Fahrradweg suchen wir im Küstenstädtchen vergeblich. Auch sind die Gehwege zu schmal, um dort radeln zu können. Die Autos fahren zu dicht auf, rammen uns fast beim Überholen und ich werde wütend: „Pass doch auf, du blöder Idiot“, schreie ich einem Fiatfahrer hinterher. Roller rauschen an uns vorbei. Ich fühle mich wie in einer Verfolgungsjagd im Actionfilm „Taxi“. Bloß auf dem rostigen Rad statt im rasanten Auto. Nur Nora scheint der Trubel mit jedem Meter mehr zu gefallen. „Loooos“, ruft sie plötzlich an jeder Ampel, die gerade grün wird. Bald entdeckt sie die Klingel („Killilli“) für sich, sodass sie uns permanent den Weg frei klingelt. Winkt Hunden und Katzen zu. Und nach einem Italienisch-Intensivkurs grüßt die Einjährige nach ein paar Tagen sogar die Passanten mit „Ciao Bella!“

Jede Fahrt ist aufregend. Aber bald auch ein Spaß. Ich höre allmählich auf, an jeder Kreuzung panisch „Vorsicht!“ zu rufen. Ich winke auch den Hunden. Und ich fahre gerne voraus, wenn wir entgegen der Fahrtrichtung mal wieder durch eine Einbahnstraße ruckeln. Wenn wir durch den schmalen Autotunnel in Richtung Innenstadt heizen. Wenn wir verbotenerweise durch die „Area Pedonale“, die Fußgängerzone, radeln. Oder wenn wir auf der Promenade unter den Palmen die anderen Touristen vom Bürgersteig klingeln.

Eines Morgens steht Giorgio rauchend auf dem Hof und ruft uns „Buon viaggio“ hinterher. „Ciao Opa“, ruft Nora. Ich erinnere mich in dem Moment daran, wie ich vor mehr als 30 Jahren auf dem rostigen Hollandrad meiner Mutter saß: in einem klapprigen, minimalistischen Drahtkindersitz am Lenker. Ohne Helm. Und ohne Gurt.

2 Kommentare

  1. Leonie sagt

    Oh, was für ein wunderbarer Text. Hab SCHALLEND gelacht, denn das kommt mir alles sehr bekannt vor. Super Lustig!
    VlG, Leonie

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