Mama
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Wenn der Postmann zehn Mal klingelt…

Ja, ich habe einen neuen Freund: meinen Paketboten. Und gerade bei ihm hätte ich nie gedacht, dass wir in diesem Leben noch mal eine entspannte und harmonische Zweckgemeinschaft eingehen würden. Aber von vorne.

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Mit einem Kind lernt man nicht nur sich selbst ein bisschen neu kennen. Nein, es begegnen einem plötzlich auch andere Menschen in Situationen, in denen man am allerliebsten unbeobachtet und allein wäre. Mein Paketbote ist so ein unfreiwillig Auserwählter. Oft ist er mein einziger sozialer Kontakt bis zum Mittagsschlaf. Tragisch, aber wahr.

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Schon lange vor all unseren Nachbarn hat der Paketbote gewusst, dass das Baby da ist. Denn als ich eines Morgens dickbäuchig in die Klinik wanke, parkt er gerade seinen gelben Kastenwagen neben der Notaufnahme. Seitdem ist etwas anders an unserer zurückhaltenden Dienstleistungsbeziehung. Denn er kennt mich nun nach einem Jahr als Mutter so, wie mich nicht mal meine beste Freundin und mein Bruder kennen: ungeduscht, in Schlaf-Still-und-Sofafunktionskleidung, mit Müsli zwischen den Zähnen und Breispritzern auf der Brille, in löchrigen Stricksocken und den viel zu großen Adiletten meines Mannes. Ungekämmt, unausgeschlafen, unausgeglichen, unaufgeräumt. Unfassbar schluffig. Aber er verzieht keine Miene.

 

Er muss schon viel erlebt haben an kleinstädtischen Haustüren. Ihn schockt nichts. Er ist ein harter Hund, ein stiller Beobachter. Macht keine blöden Sprüche, wenn ich wieder nach Jeder-Tag-ist-casual-friday aussehe. Lächelt nicht mitleidig, wenn ich ihn bitte, das nächste Mal doch öfter zu klingeln, falls ich gerade am Wickeltisch Vollgas gebe. Und auch sonst interessiert er sich weder für Babykram noch für mich. Und wenn ich ihn in meiner schwangeren Gefühlsduseligkeit noch für einen miesepetrigen Schnösel gehalten habe, so schätze ich inzwischen seine Diskretion.

Er ist eigentlich ein cooler Typ: am Morgen meist auch schlecht gelaunt. Den ganzen Tag über seeeehr wortkarg. Und je näher der Feierabend rückt, desto muffeliger wird er, wenn er nochmal zu mir in den dritten Stock Windelvorräte und Lebensmittelpakete schleppen muss. Im Online-Bestellen bin ich nämlich eine große Nummer. Im Smalltalk nicht. Und mit Gesprächsthemen wie Mindestlohndebatte oder miserabler Parkplatzsituation kann ich seine Laune bestimmt nicht aufhellen.

Ich kenne zwar nicht seinen Namen. Aber ich kenne ihn mit Fellmütze, in DHL-Handschuhen und im Winteroutfit, in kurzer Hose und Sandalen und neuerdings sogar manchmal gesprächig. Hat er besonders sperrige Monsterkartons zu tragen (neulich kam das Bobbycar in einem Riesenkarton), stecke ich ihm Kinderschokolade zu. Das ist in den letzten Wochen schon zu einer netten Gewohnheit geworden. „Gern“, sagt er dann. „Danke.“ Er drückt mir zig Sendungen für alle Nachbarn auf, dafür bekommt er Schokolade – und lächelt sogar. Wenn nur ich ein Paket bekomme, darf er es einfach neben der Haustür in den Kinderwagen legen. Und kann ich bei einer Nachnahme-Sendung mal wieder nicht genug Kleingeld zusammenkratzen, hat er Mitleid und leiht mir was aus seiner Wechselgeldkasse. Ansonsten bringt er mir Pakete, und er nimmt auch wieder welche mit. Manchmal packe ich mit an. Manchmal komme ich ihm einige der 65 Treppenstufen entgegen gelaufen. Manchmal trägt er seine Pakete sogar schon bis ins Kinderzimmer. Nur eins habe ich mich noch nicht getraut: ihm die Müllbeutel aus dem Windeleimer als Retoure ins Erdgeschoss mitzugeben. Ich habe die leise Ahnung, dass das unser aufgetautes Miteinander schneller abkühlen könnte als die allergrößte Windelvorratslieferung…

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